Basisdemokratisches Bündnis:

"Nobody wants to be lonely - Nobody wants to cry"

(Christina Aguilera, Ricky Martin)

Oder: warum die "größte hochschulpolitische Gruppe Göttingens" mehr StuPa-Sitze als Aktive hat

In der Einladung1 zur Sitzung des Studierendenparlaments am 03.12.07 konnte mensch einen Hinweis auf das finden, was viele von uns schon seit längerem vermuten: Die ADF, die sich gern selbst als die "größte hochschulpolitische Gruppe Göttingens"2 tituliert, steckt in einer personellen Krise. Unter Tagesordnungspunkt 10 (welcher später jedoch wieder gestrichen wurde) der besagten Einladung war zu lesen: "Empirische Untersuchung des hochschulpolitischen Engagements der Studierenden". Eine solche Befragung hielt die ADF deshalb für nötig, weil sie davon ausgeht, dass sich immer weniger Studierende hochschulpolitisch engagieren, was sie wiederum vermutlich daraus schließt, dass ihre eigene Personaldecke immer dünner wird. Da die ADF den genannten Tagesordnungspunkt wieder fallen gelassen hat, und daher vermutlich immer noch ratlos darüber ist, warum es auf ihren Sitzungen immer so beschaulich und einsam zugeht, wollen wir uns unsererseits Gedanken darüber machen, warum der ADF die Aktiven weg brechen. Man hilft sich ja schließlich gegenseitig in schlechten Zeiten.

‘What goes up, must come down ‘ (Blood, Sweat and Tears: Spinning Wheel)

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Während sich allein in diesem Semester mit der BG Jura und der BG fIMP zwei neue Basisgruppen gegründet haben3 und sich darüber hinaus auch in den anderen Basisgruppen sowie im BB zusätzliche Menschen einbringen, scheint die AStA-stellende ADF immer mehr zu einem Grüppchen von einigen wenigen Aktiven zusammenzuschrumpfen. Abzulesen ist dies an verschiedenen Phänomenen: Immer wieder erscheinen gewählte studentische Vetreter_innen der ADF nicht zu den Kommissionen, in denen sie Stimmrecht haben, und während des Studierendenparlaments gibt es 15-minütige Fraktionspausen, damit die ADF-Fraktion ihre Sitze mit telefonisch herbeizitierten Mitgliedern auffüllen kann. Darüber hinaus liest sich das ADF-Blättchen "Wadenbeißer" in letzter Zeit immer häufiger wie eine Sammlung aus zusammengeklaubten Artikel aus der AStA-Revista und umformulierten Pressemitteilungen von Universität und Bundesregierung; eigene Inhalte sucht man hier vergeblich.4

‘Von hier an blind ‘ (Wir sind Helden)

Dass die ADF gerade jetzt, wo sie eigentlich auf dem Zenit ihrer Macht steht, die Basis wegbricht, ist dabei kein Zufall. Gegründet wurde die ADF in den 1990ern von Studierenden, die es verabscheuten, dass die damaligen ASten hochschulpolitische Themen explizit nicht von sogenannter Allgemeinpolitik trennten, sondern auf der gesellschaftliche Verstrickung der Hochschule in die Gesamtgesellschaft bestanden. Die ADF hingegen verstand und versteht sich auch heute noch explizit als "unpolitisch" und behauptet ihr politisches Handeln lediglich an sogenannten "studentischen Interessen" zu orientieren. Was dies in der Praxis heißt, ist spätestens jetzt, nach mehreren Jahren eines ADF geführten AStAs, spürbar: Während frühere linke, emanzipatorische oder basisdemokratische ASten einen Begriff von Bildung stark machten, der über wirtschaftliche Verwertbarkeit hinauswies und Momente der Persönlichkeitsbildung, der kritischen Auseinandersetzung mit der (gesellschaftlichen) Realität und eine Stärkung des Individuums gegenüber der Gesellschaft einforderten, schlägt sich die ADF voll und ganz auf die Seite des Studiums als "Ausbildung" und "Investition ins Humankapital". Alles, was einem schnellen und schlanken Studium im Weg stand, durfte ruhig beseitigt werden. Und so verwundert es auch nicht, dass die ADF (abgesehen von ein paar kosmetischen Korrekturen an einzelnen Studiengängen) an der Umstellung der Studiengänge auf das Bachelor-/Master-System, die uns immer weniger Möglichkeiten darüber einräumen, selbst zu entscheiden, welche Seminare wir belegen und welche Schwerpunkte wir setzen möchte, nichts grundsätzlich zu bemängeln hatte. Noch in der Wahlausgabe des ADF-Wadenbeißer vom Januar 07 wird etwa die Einführung der Bachelor-Studiengänge gelobt, und darauf verwiesen, dass "Unannehmlichkeiten für Studierende weitgehend vermieden werden"5 konnten. Anstatt darüber zu sinnieren, warum sich niemand mehr bei der ADF engagiert, hätten die ADF-Autor_innen vielleicht lieber einmal die neuen Erstsemester fragen sollen, ob diese es vielleicht doch als eine Unannehmlichkeit wahrnehmen, wenn man sie bei der Immatrikulation fragt, ob sie nicht doch lieber ein anderes Zweitfach wählen möchten, weil sich ja Pflichtveranstaltungen mit dem ersten überschneiden, und es deshalb gar nicht so richtig studierbar sei. Aber vielleicht sind dies aus Sicht der ADF-Bürokrat_innen auch gar keine Unannehmlichkeiten, geht es ihnen doch gerade nicht darum, sich im Studium mit Inhalten, die man für relevant hält, auseinanderzusetzen, sondern lediglich darum, möglichst schnell einen Abschluss zu erlangen, um sich möglichst schnell auf dem Arbeitsmarkt (vielleicht als Praktikant_in; siehe rechts) verwursten zu lassen.

Mit den jüngsten Reformen an der Uni hat sich also die schlechte Utopie der ADF von einem schnellen Studium, indem alle (durch Bachelor-/Master und Studiengebühren) gezwungen sind, mit Tunnelblick durchs Studium zu hetzen, endlich erfüllt. Für die ADF hat dies jedoch einen paradoxen Nebeneffekt: Sie hat sich endgültig historisch überlebt. Das schlanke Studium ist da, kritische Inhalte sind weitgehend aus der Uni verdrängt und jede und jeder hat eine vollen Stundenplan, der nicht viel Zeit jenseits der Pflichtveranstaltungen lässt. Warum sollte man sich also noch bei der ADF engagieren, vertritt sie doch gerade die, die „hier einfach nur studieren wollen”6? Wenn das Ziel ist, sich schnell "ausbilden" zu lassen, warum dann überhaupt etwas angehen, was nicht direkt diesem dient, würde dadurch doch nur die eigene "Ausbildung" behindert?7

‘We can´t afford to be neutral on a moving train ‘ (System of a Down)

Die eigene Charakterisierung als "unpolitisch" und "sachpolitisch", die der ADF zwar seit Jahren Mehrheiten im StuPa beschert, beginnt also auf Personalebene den gegenteiligen Effekt zu erzielen: Niemand will mehr mit den ADFler_innen spielen. Und wozu auch, gibt es doch überhaupt keine politische Position für die die ADF einstehen würde. Denn was heißt "unpolitisch" schon anderes, als das letztlich doch nur (wenn auch vielleicht in leicht korrigierter Form) das durchgesetzt wird, was von höherer Stelle gefordert oder eingeführt wird? Und was bedeutet "Neutralität" denn Anderes, als dass man sich eben in diejenige Richtung mitreißen lässt, in die es gesellschaftlich gerade geht? Bevor ich mich aufraffe zu einer Gruppe zu gehen, deren wesentliches Ziel es ist, bloß nicht im Wege zu stehen, bleibe ich doch lieber gleich zu Hause; das ist einfacher, weniger zeitintensiv und mindestens genauso zielführend.

Auch wenn die ADF also immer besonderen Wert darauf legt, im Gegensatz zu anderen Hochschulgruppen - von LHG und RCDS über Jusos bis zur Grünen Hochschulgruppe - keine Jugendorganisation einer politischen Partei zu sein, offenbart sie mehr und mehr, dass sie in Wahrheit nicht viel Anderes ist, als der Versuch eine Art Jugendorganisation der Universitätsverwaltung darzustellen, die auf studentischer Ebene das umsetzt, was auf Ebene der Uni beschlossen wird. Kein Wunder also, dass die ADF im letzten Jahr freudig feststellte, dass sich das "Verhältnis zum Präsidium [...] spürbar verbessert"8 habe; die Uni wird sehr wohl wissen, was sie an der ADF hat.


1) http://stupa.uni-goettingen.de/fileadmin/stupa/einladungen/Einladung_2007-12-03.pdf

2) Laut eigener Angabe hat die ADF 250 Mitglieder. Diese Zahl imaginiert sie sich wohl durch die Größe ihrer Wahlliste zusammen, auf der sich tatsächlich über 200 Menschen finden, von denen jedoch die allerwenigsten tatsächlich aktiv sind. De facto steht die überwiegende Mehrheit dieser Leute auf der Liste, weil sie jemanden kennen, der jemanden kennt, die jemanden kennt, der jemanden aus der ADF kennt. Aber die Wahlpublikation mit den vielen Gesichtern sieht schon hübsch aus, oder?

3) Vgl. http://bb-goettingen.de/950

4) Neben dem Fakt, dass chronischer Personalmangel bei der ADF herrscht, verweist dies auch genau darauf, dass die ADF eben überhaupt gar keine eigenen Inhalte hat. Nur deshalb kann es ihnen überhaupt in den Sinn kommen, Uni-Pressemitteilungen unkommentiert zu reproduzieren.

5) Wadenbeißer Nr. 68, S. 9.

6) Wadenbeißer Nr. 36 (15.1.2002), S.2.

7) Dass die tonangebenden ADF-Kader selbst zweistellige Hochschulsemester-Zahlen (in den "alten" Studiengängen) aufweisen, ist in diesem Zusammenhang ein lustiger, widersprüchlicher Nebeneffekt.

8) Wadenbeißer Nr. 68, S. 10.


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