Basisdemokratisches Bündnis:

Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen verstärkt Geschlechterhierarchien

Der Bolognaprozess ist eins der zentralen Themen in der derzeitigen Veränderung der Hochschullandschaft. Das Konzept hierzu wurde 1999 in Bologna der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Kernpunkte des Konzepts sind Modularisierung von Studiengängen und die flächendeckende Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen in den beteiligten europäischen Ländern. Während der Bachelor stark an den konkreten Forderungen der Arbeitgebenden orientiert ist, ist erst im Master-Studium eine fachwissenschaftliche Spezialisierung möglich. Diese Möglichkeit sollen aber nach der bisherigen Planung maximal 50% der Studierenden haben. So wird eine Aufteilung der Studierenden in eine große Gruppe von eingeschränkt Qualifizierten und eine kleinere Gruppe der Bildungselite vorangetrieben.

Risiken und Nebenwirkungen?

Die Aufteilung des Studiums in Bachelor- und Master-Zyklus bringt weitere Risiken und Nachteile mit sich. So besteht für die Studierenden im Master-Zyklus kein Anspruch auf BAföG-Unterstützung, da sie zuvor mit dem Bachelor bereits einen „berufsqualifizierenden” Abschluss erlangt haben. Gerade beim Master-Zyklus ist außerdem mit hohen Studiengebühren zu rechnen. Insbesondere für alle die, die Erziehungsarbeit leisten, bedeuten die Strukturveränderungen eine Erschwerung des Studienverlaufs.

Wer keinen „gradlinigen” Studienverlauf hat, neben dem Studium arbeiten muss, oder Erziehungs- oder Betreuungsarbeit leistet, wird kaum in den Master-Zyklus eintreten können. Da diese Umstände in unserer Gesellschaft statistisch mehr Frauen als Männer betreffen, bleibt eine zunehmende Geschlechtertrennung zwischen Bachelor- und Master-Abschlüssen nicht aus. Belegt wird dies auch durch Angaben des Statistischen Bundesamts, nach denen im WS 2003/04 etwa 43% der Bachelor-Studierenden Frauen waren, während sich unter den Master-Studierenden nur knapp über dreißig Prozent Frauen befanden. Die Statistik der Abschlüsse spricht noch eine deutlichere Sprache: Obwohl mehr als die Hälfte der Bachelor-Abschlüsse (53,2%) von Frauen erreicht wurden, lag der Frauenanteil bei Masterabschlüssen unter einem Drittel (32,7%). Eine Geschlechterungleichheit im Studium führt auch zu einer ungleichen Verteilung bei den verschiedenen Berufsfeldern. Die Arbeit in höheren Positionen und im akademischen Bereich bleibt damit weiterhin überwiegend Männern vorbehalten.

Ein weiterer Problempunkt ist die erforderliche Beratung und Transparenz bei den Veränderungen. Dies bedeutet vor allem für die Lehrenden im akademischen Mittelbau eine Mehrbelastung, die erfahrungsgemäß vor allem den weiblichen Mitgliedern übertragen wird. Denn während der Frauenanteil bei C4-Professuren unter 9% liegt, ist er im Mittelbau relativ hoch.

Mobilität?

Der Begriff Mobilität taucht in Texten zum Bologna-Prozess häufig auf. Durch eine Vereinheitlichung des europäischen Bildungssektors sollen Wechsel zwischen verschiedenen Hochschulstandorten vereinfacht werden. Bei der jetzigen Umsetzung, bei der jede Uni die Gestaltung der Bachelor- und Master-Studiengänge selbst unternimmt, ist fraglich, wie weit eine solche Mobilität erreicht werden kann. Viel wichtiger ist aber, dass die soziale Mobilität durch die Straffung und Verschulung des Studienverlaufs weiter eingeschränkt wird. Dass die Durchlässigkeit zwischen gesellschaftlichen Schichten (z.B. Möglichkeiten für ArbeiterInnenkinder und Marginalisierte einen akademischen Weg einzuschlagen) ohnehin schon gering ist, wurde durch zahlreiche Studien belegt. Die Umstellung auf Bachelor und Master wird geografische und soziale Mobilität verhindern statt sie zu fördern.

Fazit

Insgesamt zeichnet sich ein düsteres Bild für die Geschlechtergerechtigkeit an den Universitäten ab. Hohe Studiengebühren, fehlende finanzielle Förderung und Verschulung des Studiums bedeuten die Einführung von zusätzlichen geschlechterseggregierenden Faktoren, die bestehende Hierarchien zwischen Frauen und Männern noch ausweiten. Für einen gleichberechtigten Zugang zum Studium bedeutet der Bologna-Prozess deshalb eine deutliche Verschlechterung. Die Tendenz der steigenden Schwierigkeit für Frauen, Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen zu erlangen, ist nicht nur auf die Hochschule beschränkt, sondern korrespondiert mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen (siehe auch „Gender-Folgen von Hartz IV” im „Faksimile” der Philosophischen Fakultät 2/2004).

Daher fordern wir:

Bologna-Prozess stoppen – Die Vielfältigkeit von Lebensentwürfen und Bildungswegen anerkennen!

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