Basisdemokratisches Bündnis:

„Gedenkfeier“ in der KA/EE

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Ende April fand in den Räumlichkeiten der Kulturanthropologie Göttingen eine „Gedenkfeier“ anlässlich des 100. Geburtstages des Germanisten und Volkskundlers Kurt Ranke (1908-1985) statt. Ranke gilt als einer der bedeutendsten europäischen Erzählforscher. Er initiierte eines der bekanntesten ‚volkskundlichen‘ Großprojekte: die im Institut für KA/EE ansässige Enzyklopädie des Märchens (EM). Von 1960 bis 1973 hatte Ranke den entsprechenden Lehrstuhl der Volkskunde in Göttingen inne.

Die unter Schirmherrschaft der Akademie der Wissenschaften (AdW)1 veranstaltete ‚Feierlichkeit‘ sollte laut Wilhelm Brednich2 Ranke als Erzählforscher würdigen. Es nahmen unter anderem Mitarbeiter_innen der EM, Vertreter_innen der Akademie, eine Vertreterin des Instituts, ehemalige Doktorand_innen, Schüler_innen und Kolleg_innen Rankes, als auch Freund_innen und Angehörige teil.

Die folgenden Ausführungen basieren auf der Auswertung von Quellen des Berlin Document Centres / Bundesarchivs, Akten aus dem Stadtarchiv Göttingen, dem Text Harm-Peer Zimmermanns3, welcher nach Auskunft des Autors auch ausschließlich auf Berliner Bundesarchiv-Akten sowie auf publizierten Texten Rankes selbst basiert, zudem wurden Gespräche mit (unmittelbar) an der ‚Gedenkfeier‘ beteiligten, insbesondere Herrn Wilhelm Brednich, durchgeführt.

RANKE IM NATIONALSOZIALISMUS

Entgangen war den Ausrichtenden anscheinend die ‚braune‘ Vergangenheit Rankes4 im nationalsozialistischen Deutschland.

Bereits vor der Etablierung der NSDAP als herrschende Staatspartei trat Ranke im Frühjahr 1932 in diese ein. Im darauf folgenden Jahr begrüßte Ranke wie die übrigen Kieler Mitarbeiter Hitlers Machtantritt. Dann trat er zunächst der NSDAP aus, unmittelbar danach jedoch gleich wieder ein, die erlangte Hochschullaufbahn (1933 Promotion, 1938 Habilitation) wäre sonst wohl nicht möglich gewesen. Ranke war darüber hinaus frühzeitiges SA Mitglied und trug seine Uniform gerne auch auf dem Campus. Auf Einladung der nationalsozialistischen „Forschungsgemeinschaft Ahnenerbe“5 hielt der Altertums-Experte 1939 einen Vortrag6 auf der Jahrestagung, durch welchen er sich laut Zimmermann „vor den SS-Leuten auszuzeichnen versuchte“. Auch suchte Ranke selbst spätestens seit 1938 Kontakt zum SS-Ahnenerbe und lies sich von seinem Kieler Kollegen Otto Höfler7 empfehlen. Nach einem nicht näher erläuterten Disput zwischen Ranke und dem ‚SS-Ahnenerbe‘ näherte sich der Kieler Wissenschaftler spätestens ab 1940 dem „Amt Rosenberg“ an, der innenpolitischen ‚wissenschaftlich‘ konkurrierenden Institution des ‚Ahnenerbes‘. Alfred Rosenberg, einer der einflussreichsten NS-Ideologen, plante den Aufbau einer so genannten „Hohen Schule“ der NSDAP - auf Weisung Hitlers. Diese sollte als eine für den NS identitätsstiftende „NSDAP-Eliteuniversität“ die etablierten Universitäten verdrängen. Für einen der ersten acht Lehrstuhlbereiche, den der „Deutschen Volks- und Altertumskunde“, hatte er den langjährigen ‚Parteigenossen‘ Ranke als Leiter auserkoren; der Kieler Wissenschaftler sollte „Partei-Vordenker in volks- und altertumskundlichen Fragen werden“. Die vollständige Realisierung des Projekts scheiterte schließlich an kriegsbedingten Sparmaßnahmen. Als letzte den Akten zu entnehmende Angabe zu Rankes NS-Zeit bleibt eine 1944 (wahrscheinlich von Rosenberg persönlich) ausgestellte Liste der NSDAP-Reichsleitung mit 43 „Geisteswissenschaftlern“, die vom Militärdienst freigestellt werden sollten, zu nennen.

In Hinblick auf Rankes ‚wissenschaftliche‘ Arbeit zum Ende der 30er Jahre konstatiert Zimmermann: Er sei „wesentlich empirisch orientiert“ geblieben, missbrauche Quellen für vornherein feststehende Lehrmeinungen weit weniger als etwa der zuvor genannte Otto Höfler, jedoch „verdamme Ranke pauschal die Paradigmen der westeuropäischen Wissenschaftstradition, insbesondere diejenigen der Aufklärung“, und betone stattdessen die „artgemäße“ Sicht auf „Volksleben“ und „germanische Kultur- und Geisteshaltung“. „Mit Logik und Verstand“ sei den „großen Erscheinungen germanischer“ Kultur „niemals beizukommen“; vielmehr sollten „intuitives Gefühl“, „Herzblut“ und „Aufgeschlossenheit für das Wesen unserer Ahnen“ in den Mittelpunkt treten, so der Kieler Germanist.

Diese gesamte Aufzählung ist lange bekannt und bedurfte keiner umfangreichen Eruierung.

Ranke in biographischen Darstellungen

Bemerkenswert ist auch, wie Rankes eindeutig antidemokratisches, konservativ-nationales-, aktives Wirken im NS in einschlägigen biographischen Darstellungen präsentiert wird. Hans-Jörg Uther, der als ausgewiesener Kenner Rankes Biographie gilt, Mitarbeiter der EM, verfasste die Ranke-Darstellung in der renommierten Neuen Deutschen Biographie (2003). Darin findet sich lediglich ein Satz zur ‚NS-Problematik‘: „Seit 1932 zwar Mitglied der NSDAP, hatte R. jedoch ‚sein wissenschaftliches Ethos ... nicht dem politischen Kalkül‘ geopfert“.8 Alle weiteren Zusammenhänge lässt Uther weg. Zimmermann relativiert zwar auch immer wieder das Wirken im Vergleich mit anderen Kollegen in Kiel als eher zurückhaltend, stellt aber auch an mehreren Stellen die „Verstrickungen im NS“ deutlich fest. Zitat Zimmermann:

„Aber auch Ranke gab sich einigen rassischen Spekulationen hin, die wohl nicht als lediglich nebensächliche Zugeständnisse an die nationalsozialistische Machthaber abgetan werden können. So hielt er es für selbstverständlich, daß die ‚gestaltenden Kräfte‘ des Totenbrauchtums [der Germanen] aus einer ‚artgemäßen Einstellung‘, bzw. ‚aus einem völkisch und rassisch gemeinsamen Urbesitz und Mutterboden‘ hervorgegangen seien. Er beschwor ‚die Ströme gleichen Blutes und Erbgutes‘, die zwischen Germanen eine ‚verstandesmäß unfaßbare Übereinstimmung und Verbindung schaffen‘ würden.“ ... „Es wird hier darin ein grundlegender Irrtum Rankes auch in seinen Schriften sichtbar, der in seinem politisch-organisatorischen Auftreten noch sehr viel deutlicher zutage trat, nämlich sein festes und unverbrüchliches Eintreten für den Nationalsozialismus.“ Und in Bezug auf Rankes fachliche Aktivitäten der Zeit: „Er glaubte offensichtlich, daß der ‚Bewegung‘ am besten durch sachliche Fleißarbeit zu dienen sei.“

Unter dem Stichwort „Ranke, Kurt“ findet sich die einige Jahre früher erschienene biographische Darstellung der EM zur Person (erschienen im Todesjahr `85), wiederum verfasst von Uther. In dieser taucht kein einziger Satz zur NS-Zeit auf!

Brednich sieht keine Problematik

Folgende Ausführungen wurden in einem ausführlichen Gespräch mit Vertreter_innen der Basisgruppe Kulturanthropologie, Basisgruppe Geschichte und Fachgruppe KA mit Wilhelm Brednich erörtert. Die Gruppen hatten Gesprächsbedarf bei Brednich angemeldet. Die Zitate stammen, wenn nicht anders gekennzeichnet aus diesem Gespräch.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung verdeutlichte Brednich seine Position bezüglich Rankes NS-Vergangenheit, indem er argumentierte, Ranke hätte lediglich dem Zeitgeist der 30er Jahre Rechnung getragen und zudem nur eine „marginale Stellung“ eingenommen.

Er fährt im weiteren Verlauf mit der ‚Bagatellisierung‘ fort. Die SA-Mitgliedschaft zum Beispiel verharmlost Brednich, indem er angibt, Rankes Beziehung zur SA lasse sich auf das Tragen der Uniform zur Hochzeit reduzieren, wie es damals nicht unüblich gewesen sein soll.

Für Brednich gilt es als erwiesen, dass er kein Nationalsozialist gewesen sei, seine Einstellung habe ausschließlich der des Bürgertums der damaligen Zeit entsprochen. Wohin diese deutsche Normalität geführt hat, sollte man wissen und reflektieren; das gebietet sich umso mehr im wissenschaftlichen Umgang und vor allem im Vorhaben, im NS involvierte Wissenschaftler_innen als Persönlichkeiten zu würdigen. Brednich behauptet sogar im Frühwerk Rankes, also in den 30er und 40er Jahren, könne man bei tieferem Einblick höchstens noch ‚widerstandsähnliche, regimekritische Positionen‘, entdecken.

Für Brednich sei die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit des Fachs in diesem Falle gänzlich abgeschlossen. Schließlich läge bereits das Standardwerk zur Aufarbeitung der NS-Volkskunde9 vor. Wer dort nicht angesprochen sei, an dem könne man auch nichts auszusetzen haben. „Man habe mit dem Bösen im Fach abgerechnet“. Der Leiter der EM ist sich auch nicht zu schade, als Beleg für die ‚Unverfangenheit‘ anzuführen, dass sogar ein jüdischer Doktorand eine Grußformel zur ‚Feier‘ übermittelt habe.

Wir finden es äußerst bedauernswert, dass Brednich, anstatt Ranke unter Berücksichtigung der gesellschaftspolitischen Dimensionen zu beurteilen, sich lediglich auf Rankes vermeintlich unproblematisches Frühwerk zurückzieht und damit eine wissenschaftlichen Auseinandersetzung vermeidet.

Selbst nicht ‚primär ideologisch agierende‘ Wissenschaftler trugen zur Aufrechterhaltung und Stabilisierung des NS-Forschungs- und Lehrbetriebes bei und verschafften dem NS Legitimation und Renommee. Von einer selbstkritischen Auseinandersetzung Kurt Rankes mit seiner eigenen Rolle im NS ist im Übrigen nichts bekannt.

Öffentlichkeit bei Gedenkfeier unerwünscht

Die Basisgruppe Kulturanthropologie und die Basisgruppe Geschichte erfuhren nur durch Zufall von der nicht angekündigten und nicht öffentlichen Veranstaltung. Eine Bekanntmachung, üblicherweise auf der Homepage oder in den örtlichen Medien, blieb vom Veranstalter in diesem Fall aus, obwohl die AdW selbstverständlich ein Öffentlichkeitsreferat beherbegt. Auch die EM sah eine Mitteilung als nicht erforderlich an. Auf Anfrage des Instituts für KA/EE, in welchem Rahmen die Veranstaltung stattfinden solle und ob auch Student_innen teilnehmen könnten, reagierten weder AdW noch EM. Brednich sagte dazu, dass der engen Räumlichkeiten und der Anwesenheit Angehöriger Rankes wegen, der Rahmen ein privater gewesen sei.

Das Institut für KA/EE, das den Seminarraum zur Verfügung gestellt hatte, distanzierte sich auf Nachfrage, es sei „in Planung und Durchführung in keiner Weise involviert“ gewesen.

Brednich fordert Gedenktafel für Ranke

Zunächst war auch noch geplant, am ehemaligen Wohnhaus Rankes eine Gedenktafel zu enthüllen. Diesen vermeintlichen Höhepunkt konnten die Teilnehmer_innen jedoch nicht verwirklichen, da die Stadt Göttingen den Antrag Brednichs ausdrücklich wegen dessen NS-Vergangenheit im Vorfeld bereits abgelehnt hatte. Dabei hatte Brednich in dem dreiseitigen Antrag die Verdienste Rankes ausführlichst dargelegt. Lediglich die zuvor geschilderten Erkenntnisse zum Verhalten im NS vermisst man...

Zu allem Überfluss führt der Antragsteller auch noch einen Vergleich mit dem ehemaligen Lehrstuhlinhaber Will-Erich Peuckert (1946-60) an, dem 1935 von den Nationalsozialisten die Lehr- und Schreiberlaubnis entzogen worden war. Habe dieser doch schließlich auch zu seinem 100. Geburtstag eine Tafel bekommen.

Aber ‚gedenkfeiern‘ lässt es sich ja auch ohne Tafel. Laut Brednich habe Ranke in Göttingen unberechtigterweise keine „Lobby“; so habe der „richtige Nazi“ (Brednich) und Pädagoge Heinrich Roth im März ja auch eine Tafel bekommen und wenn dieser eine bekäme, verdiene Ranke schon lange eine...Die wochenlang andauernde öffentliche Diskussion um die Ehrung Roths scheint den Veranstalter_innen also nicht entgangen zu sein. Auch ein möglicher Grund für eine zurückhaltende Informationspolitik bezüglich Ranke...

Ranke als ‚Opfer‘

Im Gespräch mit Brednich führte dieser auch die angebliche ‚Opferrolle‘ Rankes aus. So habe dieser erst die für jeden „aufrechten“ Forscher schwierige Zeit des NS durchstehen müssen, sei danach „für seine anständige Forschung“ auch noch durch ein schwerwiegendes Entnazifizierungsverfahren gegangen und habe dann noch einige Jahre warten müssen, bis ihm die gebührende Stellung der außerordentlichen Professur endlich zu Teil geworden war. Die lange Zeit bis mindestens Mitte der Fünfziger Jahre sei sowohl finanziell als auch psychisch sehr hart gewesen (Brednich: „Den hat man hart bestraft“), eine geregelte Forschertätigkeit sei nicht möglich gewesen. An diesen Ausführungen wird deutlich, wie einmal mehr ‚Opferhierachien‘ konstruiert werden.

Vielleicht fehle uns (den Verfasser_innen dieses Textes) aber auch einfach die Wissenschaftlichkeit, die Erfahrung oder auch das „Generationen-Verständnis“, stellt Brednich lapidar fest. Immerhin hätten wir ihn nicht persönlich gekannt und „mit ihm bis zu seinem Tode persönlichen und freundschaftlichen Umgang“ gepflegt.

Zum Wirken Wilhelm Brednichs in diesem Fall:

Brednich selbst forderte und forcierte vor allem in den 80ern immer wieder die Aufarbeitung der NS-Fachgeschichte. Nun scheint diese unbequem geworden zu sein...

Wer in solch einem Kontext forscht, dabei aber jegliche Reflektion vermeidet, das Gedenken (Ehrung) der Person Ranke in den Mittelpunkt stellt, das Erinnern an die Verwicklung im NS als lästiges, längst überholtes Beiwerk ansieht und es als „dem Zeitgeist geschuldet“ tituliert, leistet seinen Beitrag zum Vergessen und zum Revisionismus – egal aus welcher abwegigen Motivation heraus. Rankes Wirken im Nationalsozialismus war den Veranstalter_innen bekannt, weshalb nicht von einem bedauerlich fahrlässigen Umgang, sondern von einem bewussten Verschweigen zugunsten der ‚herausragenden und schillernden Persönlichkeit‘ Rankes auszugehen ist.

Es ist anzunehmen, dass dem gänzlich uneinsichtigen Verhalten der EM-Leitung die Furcht zugrunde liegt, das laufende Großprojekt EM, dessen Leitung Brednich von Ranke übernommen hatte, könne in ihrer wissenschaftlichen und öffentlichen Wahrnehmung an Reputation verlieren.

Dazu bleibt festzustellen: Zurecht.

In diesem Sinne: RANKE – NEIN DANKE !

Basisgruppe KA/EE

Quellen, u.a.:

Berlin Document Centre Akten zu Ranke (Stadtarchiv Göttingen)

Harm-Peer Zimmermann:

Vom Schlaf der Vernunft. Deutsche Volkskunde an der Kieler Universität 1933-1945. In: Hans-Werner Prahl (Hrsg.): Uni-Formierung des Geistes. Universität Kiel im Nationalsozialismus, Bd. 1, Kiel 1995, S. 171-274.

Neue Deutsche Biographie

Enzyklopädie des Märchens

Wolfgang Benz u.a.: Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München 1998.

Gespräche mit Beteiligten


1) EM seit 1980 Teil der AdW

2) Leiter EM, Nachfolgeprofessur Rankes. Jedem_r KA/EE Student_in durch das Standard-Einführungswerk bekannt.

3) Vom Schlaf der Vernunft. Deutsche Volkskunde an der Kieler Universität 1933-1945. In: Hans-Werner Prahl (Hrsg.): Uni-Formierung des Geistes. Universität Kiel im Nationalsozialismus, Bd. 1, Kiel 1995, S. 171-274.

4) Von den an der ‘Feier’ Teilnehmenden liebevoll „Papa Ranke“ genannt.

5) U.a. von Himmler gegründet, erforscht zunächst „germanische Vorgeschichte“ und „Deutsche Volkskunde“, später „kriegsbedingte Zweckforschung“; gilt als das „kulturpolit. Steuerungs- und Gleichschaltungsinstrument der SS“. Vgl. Auerbach: Ahnenerbe e.V., Forschungsgemeinschaft. In: Benz u.a.: Enzyklopädie des Nationalsozialismus.

6) Titel: „Die Toten im Recht und Brauch der Lebenden“.

7) Ein für den NS sehr bedeutender ‘völkischer Vorzeigevolkskundler’. Ranke stand spätestens seit 1934 unter eheblichem „Einfluß“ Höflers und „konterkarierte mehr und mehr seine eigenen sachlich-empirischen Positionen“ (Zimmermann).

8) Diesen einen Satz zitiert Uther kontextlos aus dem Zimmermann-Aufsatz, ohne Beachtung kritischer Passagen.

9) Jacobeit u.a.: Völkische Wissenschaft, 1994.


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