Basisdemokratisches Bündnis:

Die Wissenschaft wird abgeschafft

Die Georg-August-Universität bewirbt sich wie fast alle deutschen Universitäten um den von der Bundesregierung ausgelobten Titel der “Elite-Universität”. Diese “Auszeichnung” soll einigen Universitäten für bestimmte Fachbereiche verliehen werden. 50 Millionen ¤ winken denjenigen, die sich im Profilierungswettbewerb durchsetzen werden. Nun hat Göttingen den Titel „Elite-Universität“ samt dem dazu gehörigen Geld nicht bekommen. Sie soll sich jedoch nach dem Willen des Stiftungsrats und des Uni-Präsidenten von Figura trotzdem zur Eliteuni mausern. Und zwar bevorzugt zur Naturwissenschaftlichen Elite-Uni.

“Profilbildung” wird dabei zum Kampfbegriff der universitären Organe. Er bezeichnet die Beschneidung wissenschaftlicher Betätigung auf ihre verwertbaren Anteile. Resultat: Wissenschaft als solche wird abgeschafft. Die Ausrichtung der Uni Göttingen als “naturwissenschaftliche Eliteuniversität” würde faktisch die Ausgliederung der Naturwissenschaften aus ihrem gesamtwissenschaftlichen Zusammenhang bedeuten. Schon ihre Finanzierung geht auf Kosten der anderen Fachbereiche, welche die beschlossenen Kürzungen aufs Auge gedrückt bekommen und denen dadurch erst die Möglichkeit wissenschaftlicher Arbeit und schließlich jegliche Überlebensmöglichkeit abgegraben wird. Die Konzentration der Universitäten auf die einzelnen Fachdisziplinen, längst schon zu Branchen degeneriert, greift ein umfassenderes Wissenschaftsverständnis an, das Grundlage der bürgerlichen Vorstellung von Bildung war. Die Verknüpfungen der Wissenschaften untereinander wird aufgelöst, das so vereinzelte Wissen zum Vorrat erniedrigt und seiner Verwertung zugeführt. “Um überhaupt noch den Anforderungen zu genügen, welche die Gesellschaft an die Menschen richtet, reduziert Bildung sich auf die Kennmarke gesellschaftlicher Immanenz und Integriertheit und wird unverhohlen sich selber ein Tauschbares, Verwertbares.” (T.W.Adorno, Gesammelte Schriften Bd. 8, Soziologische Schriften I: Theorie der Halbbildung, S. 115)

Die Vergleichbarkeit von Universitäten und Abschlüssen, die doch durch die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen erreicht werden soll, wird konterkarriert durch die Diskussion um “Elite-Universitäten”. Vergleichbarkeit bedeutet somit nicht gleiche Voraussetzungen zum selbstbestimmten Lernen, sondern auf Verstärkung sozialer, finanzieller und ideologischer Unterschiede bei gleichzeitig verstärktem Wettbewerbsdruck. Dass dabei das Niveau amerikanischer und britischer “Elite-Universitäten” gar nicht erreicht werden kann, fällt nicht ins Gewicht, da es den Verantwortlichen eher um die Herausbildung elitärer Charaktere als um wissenschaftliche Arbeit geht.

Die Diskussion um die “Elite-Universitäten” reiht sich somit ein in die gesamte Debatte um die Umstrukturierung der Universitäten. Was durch die Umstellung auf BA/MA und die steten Kürzungswellen an wissenschaftlichem Verständnis, theoretischer Reflektiertheit und kritischem Geist verloren geht, wird überdeckt durch den ideologischen Schein, einem elitären Kreis anzugehören. Die Erkenntnis Adornos über den von ihm so genannten “Kollektiven Narzismus”, er laufe darauf hinaus, “daß Menschen das bis in ihre individuellen Triebkonstellationen hineinreichende Bewußtsein ihrer sozialen Ohnmacht, und zugleich das Gefühl der Schuld, weil sie das nicht sind und tun, was sie dem eigenen Begriff nach sein und tun sollten, dadurch kompensieren [würden], daß sie, real oder bloß in der Imagination, sich zu Gliedern eines Höheren, Umfassenden machen, dem sie die Attribute alles dessen zusprechen, was ihnen selbst fehlt, und von dem sie stellvertretend etwas wie Teilhabe an jenen Qualitäten zurückempfangen”, diese Erkenntnis wird nun genutzt, um den Ohnmächtigen das Höhere bereits vorgeformt zu liefern. (Adorno, ebenda, S.114-115)

Die neuen Wissenschaftler, die von Politik und Wirtschaft angestrebt werden, müssen ständig darüber hinweggetäuscht werden, dass sie keine sind. Hier greift das Konzept der neuen “Wissenschaftseliten”, das den verkümmerten Wissenschaftssubjekten Anerkennung als Prestige von oben zuweist Ihnen wird Halbbildung angedichtet als die wahre. (Jedwede Erkenntnis wird dabei stets angegangen vom umfassenden Verteilungsapparat der verwaltenden Gesellschaft, noch was sich spröde zeigt gegenüber den Avancen verwertender Industrien wird eingesponnen von einem Netz kulturindustrieller Behördenmentalität.) Die wirtschaftliche Ausrichtung der Universitäten und die steigende Bedeutung, die der Einwerbung von sogenannten “Drittmitteln” zugeschrieben wird, greift nun offen die wenigstens ideologisch stets noch postulierte Unabhängigkeit der Wissenschaften an. Sie werden zugerichtet zu reinen Zuarbeiterdiensten für Industrie und Wirtschaft. Studieren im industriellen Auftrag werden den vorher festgelegten Ergebnissen angepasst, historische Auftragsarbeit schönt als Vergangenheitsbewältigung gelabelt die Firmengeschichte; Wissenschaft zieht sich zusammen zur ideologischen Veranstaltung, Erkenntnis wird ausgeschlossen in der Bestätigung des status quo.


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